Neuroonkologie-Update 2017

Ein kritischer Rückblick auf die zurückliegenden Monate

Bereits zum neunten Mal fand am vergangenen Wochenende in Dresden das Neuroonkologie-Update „What’s up in Neurooncology – Wupin 2017“ statt. Das Konzept hinter der Veranstaltung sieht eine Zusammenfassung relevanter Veröffentlichungen zu einem bestimmten Thema aus den zurückliegenden zwei Jahren vor, so dass die Teilnehmer einen Überblick zum aktuellen Stand in der Neuroonkologie sowie einen Ausblick auf künftige Entwicklungen erhalten.

 

Renommierte Fachärzte aus zahlreichen Kliniken der Bundesrepublik stellten unter anderem für maligne Gliome, Meningeome, Hirnmetastasen und kindliche Hirntumoren, ebenso wie für Strahlentherapie, klinische Studien und neue Therapieansätze die Erkenntnisse der letzten 24 Monate vor. Stand die zurückliegende Veranstaltung noch unter dem Vorzeichen der für 2016 erwarteten Neuauflage der WHO-Klassifikation der Hirntumoren, konnte man in diesem Jahr bereits einige sich daraus ergebende Aspekte diskutieren.

 

IDH-Mutation im Fokus

 

Das Astrozytom ohne IDH-Mutation (IDH-Wildtyp) wird in der aktuellen Klassifikation als provisorische Tumorentität aufgeführt. Aufgrund der im Allgemeinen schlechten Prognose der IDH-Wildtyp-Gliome des WHO-Grades II und III werden diese oft als Glioblastom-ähnlich bezeichnet. Allerdings fand eine kürzlich veröffentlichte retrospektive Analyse, dass diese Tumoren eine heterogene Gruppe bilden, die nicht durchgängig mit einer schlechten Prognose assoziiert ist. Neben Alter, WHO-Grad und Ausmaß der operativen Tumorentfernung konnten mehrere molekulargenetische Merkmale (EGFR, H3F3A, TERT, MYB oder Ki-67) identifiziert werden, die zu einem sehr unterschiedlichen Krankheitsverlauf der IDH-Wildtyp-Gliome beitragen können.

Viele Untersuchungen der vergangenen Jahre haben die Bedeutung einer IDH-Mutation als einen die Prognose von Gliompatienten begünstigenden Faktor bestätigt. Aktuell kommt dieses Merkmal auch als Angriffspunkt einer zielgerichteten Therapie in Betracht. Beispiele eines solchen Therapiekonzeptes sind die NOA-16 und die geplante Nachfolgerstudie AMPLIFY-NEOVAC. Beide Studien untersuchen eine Peptidvakzinierung gegen die IDH1-Mutation R132H, letztere in Kombination mit dem Immuncheckpoint-Hemmer Avelumab. Ein anderer Ansatz untersucht den Wirkstoff BAY 1436032, der verschiedene Formen des mutierten IDH1 spezifisch hemmt.

 

 

Meningeome: Differenzierte Diagnostik durch DNA-Analyse

 

Hinsichtlich der Meningeome hat sich mit der aktuellen WHO-Klassifikation im Vergleich zu den vorherigen Versionen nichts geändert. Nach wie vor werden nach rein histologischen Gesichtspunkten 15 verschiedene Subtypen von Meningeomen unterschieden, von denen neun dem WHO-Grad I und jeweils drei den WHO-Graden II und III zugeordnet werden. Wie bei den Gliomen könnten jedoch zusätzliche molekulargenetische Merkmale dabei helfen, die bestehende Klassifikation zu präzisieren. Eine retrospektive Analyse fasste 497 Meningeome auf Basis des DNA-Methylierungsprofils zusammen. Daraus ergaben sich sechs klar voneinander abgrenzbare Subgruppen. Vielversprechend erscheint hierbei vor allem das Potential zur Abschätzung des Rezidivrisikos: Gibt es Grad-I-Meningeome mit erhöhtem Risiko bzw. Grad-II-Meningeome mit geringerem Risiko? Das Methylierungsprofil könnte somit im Hinblick auf die Therapieentscheidung wichtige Zusatzinformationen bereitstellen. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse und den wachsenden Möglichkeiten der auf DNA-Analysen beruhenden Diagnostik kann man davon ausgehen, dass demnächst weitere molekulare Subgruppen Eingang in die WHO-Klassifikation der ZNS-Tumoren finden.

Verlängerte Chemotherapie im Einzelfall sinnvoll

 

Auch angesichts innovativer molekularbiologischer Analyseverfahren bleibt die Chemotherapie eine wichtige Säule in der Behandlung von Hirntumoren. Dabei wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob Glioblastompatienten davon profitieren, wenn sie in der Erhaltungstherapie mehr als die etablierten sechs Zyklen Temozolomid erhalten. Drei in diesem Jahr veröffentlichte retrospektive Untersuchungen zeigten übereinstimmend, dass durch eine Weiterführung der Chemotherapie mit Temozolomid über sechs Zyklen hinaus zwar der Zeitraum bis zum Auftreten eines erneuten Tumorwachstums vergrößert werden konnte, das Gesamtüberleben der Patienten sich dadurch jedoch nicht verlängerte.

Diese Daten sprechen zwar gegen eine allgemeine Empfehlung zur Verlängerung der adjuvanten Chemotherapie, im individuellen Fall kann diese Strategie allerdings sinnvoll sein.

 

Radiochirurgie fest etabliert im Therapieangebot

 

Hinsichtlich der postoperativen Behandlung von Patienten mit 1-3 Hirnmetastasen wurden mehrere Arbeiten vorgestellt, die den Stellenwert der Radiochirurgie untermauern. Eine randomisierte Phase-III-Studie zeigte eine bessere Tumorkontrolle, wenn nach vollständiger Tumorentfernung eine radiochirurgische Nachbehandlung erfolgte. Daten aus einer weiteren randomisierten Phase-III-Studie sprechen dafür, dass die radiochirurgische Behandlung im Vergleich zur Ganzhirnbestrahlung seltener zu kognitiven Beeinträchtigungen führt. Eine laufende Phase-III-Studie untersucht den Nutzen der stereotaktischen Radiochirurgie gegenüber einer Ganzhirnbestrahlung bei Patienten mit 4-10 Hirnmetastasen vor allem im Hinblick auf die Lebensqualität der Patienten.

 

Zukunftweisend: Mit Molekulardiagnostik zur individualisierten Therapie


Zusammenfassend kann man festhalten, dass mit der Aktualisierung der WHO-Klassifikation von 2016 der Weg einer stärkeren Implementierung molekularer Tumoreigenschaften in die Diagnostik und Therapieplanung von Hirntumoren beschritten wurde. Hierin könnte ein Schlüssel liegen, klinische Studien und spezifische Behandlungsregimes besser an die individuellen Voraussetzungen der Patienten anzupassen. Andererseits wird die immer subtilere molekulare Differenzierung der Hirntumoren nur im Zusammenspiel mit der Weiterentwicklung klassischer und neuer Behandlungsformen zu durchschlagenden Erfolgen führen. Am vergangenen Wochenende wurden einige dieser Konzepte in Dresden diskutiert und man darf gespannt sein, auf welche Neuerungen man in zwei Jahren beim Wupin 2019 zurückschauen kann.

 

© 05.12.2017 bdr, Deutsche Hirntumorhilfe e.V. | www.hirntumorhilfe.de

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